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"Der gezähmte Wolf"

Eigentlich konnte ich Hunde nicht leiden, die riechen, sabbern, machen Krach, es würden sich noch 100 Argumente finden, warum man sich keinen Hund anschaffen sollte.

Heute, würde ich 500 finden, warum man einen Hund als Weggefährte haben sollte. Kein zweibeiniger Freund geht "soweit" mit dir, ohne den Sinn deines Tuns zu hinterfragen, wie dein Hund. Im ist vollkommen egal ob du reich, intelligent oder hübsch bist, er nimmt dich so wie du bist, kompromisslos, denn er liebt dich mehr als sich selbst.

Es verwundert mich nicht das der Hund das erste Haustier des Menschen wurde, die Wissenschaft gibt die DNA Abspaltung des Hundes vom Wolf vor 100.000 Jahren an, lange bevor andere Haus- und Nutztiere zum Menschen kamen. Welches "Multitool" hatte man wohl wenn man in dunkler Vorzeit einen Hund an seiner Seite hatte !? Vom Kompass, Alarmanlage oder Jagdwaffe bis hin zum Taschenwärmer. Aber das wichtigste ... man war nicht alleine!

Heute hat der Hund seine "Multitool" Funktionen für den Menschen weitestgehend verloren, trotzdem verzichten wir nicht auf seine Anwesenheit, denn die sozialen Aspekte sind immer noch vorhanden.
Ein wahrer Hundefreund und sein Hund bilden eine Einheit, eine Masse, ein Seelenkonstrukt in zwei Körpern. Durch nichts trennbar, außer dem Tod. Der Hund investiert in diesen Verbund immer mehr als der Mensch, wir haben noch andere Freunde, Urlaub, Fernsehen, Hobbys und und und ... der Hund hat nur Dich! Er ist von Deiner "Gnade" abhängig. Der Mensch entscheidet, wann und wie oft er nach draußen kann seine "Geschäfte" zu erledigen, frische Luft zu schnappen, herum zu toben und Abwechslung zu haben, selbst darüber was er wann und wie viel frisst.

Basco...

Basco

... war ein solches "Multitool", ein Rottweiler Mischling erster Güte. Aus einer Notlage musste er mit weiteren Welpen, schon im Alter von 14 Tagen von seiner Mutter getrennt werden, da in diesem Jahr ein glühend heißer Sommer herrschte, und die arme Hündin 12 Welpen zu versorgen hatte. Ich bekam einen dieser Welpen angeboten und lehnte erst ab. In den folgenden Tagen, drehten sich meine Gedanken immer wieder um diesen Welpen Klumpen. So entschied ich mich doch einen zu nehmen, nur leider hatte ich soviel Ahnung von Hunden, wie eine Kuh vom fliegen.

Eigentlich erlebe ich solche Situationen andauernd in meinem Leben, von nichts Ahnung ... aber machen! So saugte ich in Windeseile jegliche Information ein die zu bekommen war, und filterte die mir logisch erscheinenden heraus. Heute hätte man Google an seiner Seite, zu dieser Zeit bestand das "Internet" noch aus meist illegalen "Boxen" die man via Akustikkoppler auslutschen konnte, wohl kaum hätte man da Informationen über Hunde Handaufzucht gefunden.

So kam Basco, damals hatte er noch keinen Namen, zu mir. Er konnte nicht mal Grabbeln geschweige denn Laufen und passte komplett auf meine Hand. Ab jetzt hieß es alle 2 Stunden Fläschchen geben, Bäuchlein reiben und Geschäftchen wegmachen smiley. Wo ich war, war auch mein Hund, immer in Körpernähe, unterm Pullover oder der Jacke, immer eine prüfende Hand bei ihm. Die Utensilien Tasche war unser ständiger Begleiter, eben halt wie bei einem Menschenbaby, nur ohne Windeln.

Nachts hat er in einer Kiste mit Heizdecke neben mir auf dem Bett verbracht, als er größer war, direkt bei mir.

Monate später erfuhr ich, das viele in meinem Umfeld daran zweifelten, darunter auch meine Mutter, das ich den kleinen Fleischklops durchbekomme. Ich jedoch, verschwendete keine Sekunde an solch einen Gedanken, denn ich hab alles Menschenmögliche getan und da darf und kann das nicht schief gehen.

So wuchs und wuchs Basco und entwickelte sich zu einem stattlichen Hund. Er war ganz mein Hund, vollkommen auf mich fixiert, mindestens ein Ohr und ein Auge waren bei mir. Wir brauchten oft keine Worte, er erkannte schon an meinem Verhalten was folgte. Meine Kinder konnten mit ihm machen was sie wollten, ob sie ihm Kleider anzogen, oder auf ihm lagen und schliefen, Basco war mitten drin nicht nur dabei.

Er liebte Reifen, auch solche die sich drehten smiley, dicke Äste rumzutragen und nicht zu vergessen seine Bälle, von denen er manchmal 3 bis 4 im Maul rumtrug. Er war ein guter Schwimmer und Taucher, manchmal tauchte er solange unter das ich schon den ersten Schuh aus hatte um ihn vermeintlich zu retten.

Basco liebte alles ob Tiere oder Menschen, selbst mit Kühen auf der Weide schloss er Freundschaft und diese mit ihm. Wenn wir an der Weide vorbei kamen, rannten die Kühe und folgten Basco und ein gegenseitiges abgeschlabber begann. Nur das mit den Igeln hat er nie verstanden, das die zu Bällen werden und dann weh tun an der Nase und im Maul.

Die Freundschaft endete aber dann, wenn eine potentielle Gefahr für mich oder meine Familie auftauchte. Es spielte keine Rolle um was es sich dabei handelte, selbst ein 40 Tonner wurde da ins Visier genommen. Basco wäre für uns grinsend in die laufende Kreissäge gesprungen.

So gingen die Jahre ins Land, Basco wurde älter und älter, am Ende war er vollkommen Taub, fast Blind und hatte Diabetes.

Apropos Diabetes: Das war ein langer und beschwerlicher Weg bis wir erkannten das Basco krank war. Immer wenn ich nach seiner Wasserschüssel schaute war diese leer. Was mich ärgerte, da ich dachte das niemand außer mir danach schaut. Das er viel Urin ausschied war mir zwar auch schon aufgefallen, aber es dauerte enorm lange bis ich beides in Zusammenhang brachte. Erst als ich bemerkte das die vor kurzem von mir gefüllte Schüssel wieder leer war, läuteten die Glocken. So haben wir den Wasserverbrauch Dokumentiert und kamen auf über 10 Liter täglich, um jetzt eine Diagnose zu stellen brauchte es keinen Arzt mehr. So musste jetzt Basco Insulin gespritzt bekommen, was eine enorme Herausforderung beim Zeitmanagement ist. Die Logik, du musst jetzt fressen greift bei einem Tier verständlicherweise nicht. Also muss man abwarten bis er gefressen hat und dann erst möglichst zeitnah Insulin spritzen. So gab es Futter nur zu festgelegten Zeiten, vorher hatte er immer Futter zur Verfügung. Auf spezielles Diätfutter habe ich verzichtet. Basco war mittlerweile 13/14 Jahre alt, mehr als wir erhofft hatten, warum sollten wir ihn jetzt damit auch noch quälen?!

Am Ende, machte die Wirbelsäule von Basco schlapp. Er rutschte immer wieder auf dem Laminatboden aus. Deshalb hab ich dann Wege mit Teppichboden ausgelegt, was anfänglich gut funktionierte. Dann kam er immer schlechter die Treppen hoch oder runter, sackte mit den Hinterläufen immer wieder ein. Bis schließlich garnichts mehr ging und der gesamte Hinter Bau gelähmt war. Außer Spritzen und Tabletten gegen eventuelle Schmerzen und Entzündungen war nichts mehr zu machen. So änderte ich die Strategie und entfernte wieder den Teppichboden, so konnte er die Hinterläufe einfach nachziehen. Zum Gassi gehen hab ich ihn die Treppen hoch und runter getragen, was meiner Wirbelsäule nicht zu gute kam. Aber, ich hätte ein schlechtes Gewissen gehabt ihn zu erlösen, denn noch konnten wir seine Einschränkung gemeinsam Kompensieren. Ich beobachtete ihn ganz genau, hätte ich das schwinden seiner Lebenslust bemerkt, wäre ich zum letzten Schritt schweren Herzens bereit gewesen.

So kam es dann auch, eines morgens sah ich etwas in seinen Augen das ich nicht kannte, sein Blick war matt und leer. Ab jetzt hätte ich ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn ich ihn nicht erlöst hätte. Ich vereinbarte einen Termin für den Abend beim Tierarzt. Ich packte Basco ins Auto und wir führen nochmal an all die schönen Orte die wir in den vielen Jahren gemeinsam gefunden hatten. Wir machten am MC Donalds einen Zwischenstopp wo es reichlich Cheeseburgern für Basco gab, die er ja soooo liebte.

So endete 2010 eine fast 15 jährige Freundschaft

Jacky

Jacky

Eigentlich wollte ich keinen Hund mehr, ich hatte das Gefühl, das ich Basco so "verraten" würde. Heute weiß ich das es völliger Quatsch ist, denn der eine Hund hat mit dem anderen Hund nichts zu tun. Es ist nicht so wie wenn ein menschlicher Lebenspartner stirbt. Sondern es stirb ein guter Freund, was nicht zwangläufig zur folge haben muss nie wieder andere Freunde zu finden.

Ich hab auch nicht aktiv gesucht im Gegenteil, ich wollte ja keinen mehr. Bis ich auf der Website des Tierheims Jackys Bild gesehen hab. Sofort schlug ein Blitz in mir ein. Innerhalb von 30 Minuten stand ich vor seiner Box und weitere 15 Minuten später hatte ich ihn an der Leine und wir gingen spazieren. Ah, tat das gut wieder unterwegs zu sein, in diesem Moment wurde mir klar was mir die letzten Monaten gefehlt hat.

Jacky war ein interessante Mischung, Schäferhund, Rottweiler und weiß der Geier was noch alles. Er war bedeutend leichter und kleiner als Basco, aber ein sehr aufgeweckter Kerl mit riesen Glubschaugen. Mich störte auch nicht das er schon 10 Jahre alt war und eigentlich als nicht mehr vermittelbar im "Knadenhof" des Tierheims einquartiert war.

Ich ging dann jeden Tag, an dem das Tierheim geöffnet hatte mit Jacky laufen. Das überraschende dabei war, er hat mir den Weg diktiert und es gab eine magische Grenze rund um das Tierheim die er nicht überschreiten wollte. An dieser Linie hat er wieder den Weg zurück ins Tierheim eingeschlagen und direkt, nach einem kurzen Zwischenstopp bei der Heimleiterin um die Leckerlies abzuholen, wieder in seine Box ging. Das wohl mitunter daran lag das er schon über 1 Jahr im Tierheim war und dort auch alles mögliche getan wurde um den Tieren, ihr Leben so angenehm wie auch irgend möglich zu gestalten, sofern das unter solchen Vorrausetzungen überhaupt möglich ist. Jacky hatte eine über 20qm große Box mit beheizter Hundehütte und war total auf seinen Pfleger fixiert, den er immer im Auge hatte und wenn er nicht zu sehen war, dort hin starrte wo er gleich wieder auftauchen würde.

Das änderte sich mit der Zeit. Dann wusste er wenn der mit den langen Haaren kommt geht's Gassi. Trotzdem war er immer noch im Tierheim "zuhause", und ich hatte Angst die tue dem Hund was an wenn ich ihn einfach dort wegreiße. Nach Gesprächen mit der Leiterin, entschieden wir, ich nehme Jacky für einen Tag, mit der Option in zu behalten, mit nach Hause. Die Aussage der Leiterin war, "Sie werden sehen der fühlt sich pudelwohl."

So war es dann auch, nach einem kurzen Check der Wohnung vereinnahmte er sofort den Platz von meinem verstorbenen Hund. Man merkte ihm zwar die Verunsicherung an, aber es war für ihn, dem Anschein nach OK hier zu bleiben.

Jetzt konnten wir uns erst richtig kennenlernen. Jacky war ein unglaubliches Energiebündel, mit der er gar nicht wusste was anfangen. Zu dieser Zeit hatte ich dann Krankheitsbedingt, viel Zeit für lange Spaziergänge. Was nicht nur Jacky, sondern auch mir gut tat.

Jacky beim Butteln

Immer wieder animierte ich Jacky etwas zu tun, das für einen Energieabbau gut sein würde. Apportieren mit Stöckchen und vieles andere waren nichts. Bis ich dann an einem Grasbüschel rumspielte und zu ihm sagte "such das Mäuschen". Ab diesem Momment gab es nur noch Löcher in Jackys Leben ...

Egal wo wir einen kurzen halt machten, Jacky begann damit ein Loch zu buddeln. Auf unseren täglichen Routen hatte er Stammlöcher, die täglich beackert werden mussten. Er betrieb das so ex­zes­siv, das es mir schon manchmal bange wurde.

Das ganze fand erst eine Ende als ein Tennisball in sein Leben trat, den wir zufälligerweise am Straßenrand fanden. Ab diesem Moment, waren alle Löcher aus Jackys Erinnerung gelöscht.

Er apportierte den Tennisball, aber in einer der artigen Perfektion und sein Hunger auf Balljagen war wieder unersättlich.

Wenn er den Ball nicht jagte, so trug er ihn im Maul und bei jeder Gelegenheit wurde er zwischen den Kiefern zermalmt. Der Verschleiß an Bällen, war sagenhaft.

Tennisbälle sind eigentlich nicht das geeignete Spielzeug für Hunde. Durch den Bezug der unteranderem aus Nylon besteht, werden die Zähne abgeschliffen. Auch die Kleber und der Ballkörper enthalten Schadstoffe. Jacky war ja nun im fortgeschrittenen Alter, so akzeptierte ich einfach die gesundheitsschädlichen Eigenschaften und lies ihn gewähren. Um es abzurunden, spezielle Tennisbälle für Hunde, hatten bei Jacky eine maximale Lebensspanne von maximal 5 Minuten. Dann waren sie gehäutet und halbiert, und somit wertlos. Zeitweise verwendete ich auch einen Kautschukball, der zwar gut für Hunde ist, aber nicht für meine Gelenke. Da er recht schwer war, und sich schnell Probleme an meinen Ellenbogen einstellten.

Jacky, hatte ein unglaubliches Potential, das nie in Anspruch genommen wurde. So kannte er Wasser wohl nur aus der Schüssel und der Brause beim Baden. Es war ein langer und für mich schmerzhafter Lernprozess, Jacky zu zeigen das er schwimmen kann und Wasser voll abgeht. Um meine Schmerzen kurz zu erläutern, ich wollte ihm an einem recht niedrigen Wassergraben, das Nasse Element näher bringen, und animierte ihn zum reingehen. Damit begann er dann auch, aber auf halbem Wege verließ ihn der Mut und er rette sich mit einem enormen Hechtsprung wieder ans feste Land. Vorher klatschte er aber mit seinem harten Schädel erst einmal in mein Gesicht. Wie er das auch immer hinbekam, das ganze wiederholte sich 3X und mit einer aufgeplatzten Lippe und einer demolierten Augenbraue, gab ich dann erst einmal auf smiley. Im laufe der Zeit lernte er aber auch dieses Element lieben.

Jacky, wurde recht schnell zu "meinem Hund". Im Notfall war er aber ein Feigling, er hätte mich nicht verteidigt, sondern die Flucht ergriffen.

Eines Tages bemerkte ich dann ein Geschwulst an seinem After, noch recht klein und nur Beobachtungswürdig. Dieser wuchs aber innerhalb von einer Woche auf Faustgröße an, was ärztlicher Versorgung bedurfte. Es handelte sich um einen Afterdrüsentumor, der dann mit samt den Afterdrüsen entfernt wurde.

Eines Tages ging es Jacky sehr schlecht, er lag nur noch auf seinem Platz hatte keine Lust um Gassi zu gehen, es sah nicht gut aus. Mein bis dahin behandelter Tierarzt war im Urlaub, so ging ich zum Notdienst, und blieb dann dort auch. Ich fühlte mich und mein Hund dort viel besser aufgehoben, als beim vorigen Tierarzt. Trotz Intensivcheck konnten wir nicht den Grund für Jackys Zustand finden. Vorsichtshalber, erhielt Jacky Antibiotika und Schmerzmedikamente. Jackys zustand verbesserte sich recht schnell, einige Tage später bemerkte ich eine Handgroße Schwellung dann Jackys Rippen. Ab zum Tierarzt, der diagnostizierte eine Pfählungsverletzung. In diesem Augenblick erinnerte ich mich an eine Situation, vor vielen Tagen, bei der Jacky "ausgerutscht" war hinfiel und kurz Aufjaulte. Ich prüfte die Situation und sah Drahtgeflechte aus dem Boden ragen, das ich jetzt erst einmal für den Sturz verantwortlich machte, aber nicht das er sich einen ca. 6mm starkes rostiges Armierungseisen in den Bauch gerammt hätte.

Vermutlich schloss sich an der Oberfläche die kleine Wunde recht schnell wieder, so das sie nicht zu erkennen war, aber der Rost blieb in der Tiefe und konnte seine Wirkung entfalten.

So wurde die mit Eiter gefüllte, rund 10cm im Durchmesser große Wundtasche geöffnet und entleert und offen gehalten. täglich musste diese mehrmals gespült werden, aber es stellte sich schnell ein Heilungsprozess ein. So konnten wir nach 10 Tagen einen Hacken an den Vorfall machen.

Jacky lebte sein Hunde leben, es war ihm egal was ich machte, Hauptsache ich mache es mit ihm. Wanderungen mit mehr als 30km, waren ein Klacks für dieses Konditionswunder. Genauso konnten wir gemeinsam, stundenlang auf einer Wiese dem lauen Sommerlüftchen lauschen.

6 Monate, hielt unser Glück an, bis der Tumor wieder da war. Eine Erneute Operation, diesmal beim neuen Tierarzt folgte. Die Durchführung der OP und das Ergebnis, eine Meisterleistung. Eine Y Naht zierte Jackys Hintern, die Lehrbuchreif war. Aber leider wirkungslos, nach 4 Tagen blieb die bis dahin super verlaufende Wundheilung stehen. Ich hatte die schlimmsten Befürchtungen, die sich nach weiteren 2 Tagen stehender Wundheilung erfüllen sollten. Da war er wieder, innerhalb von nur sechs Tagen war der Tumor wieder soweit nachgewachsen das er die Naht aufriss und alles Wundheilungsfördernde an sich zog, und dadurch natürlich ein enormes Wachstum entwickelte.

Eine weitere OP war sinnlos, da die letzte erst wenige Tage zurücklag, und die Erfolgschance lag bei 0.

Jacky ging es bei all dem immer gut, er tobte, spielte Ball, war Hund, so als wäre nichts. Gut, lassen wir ihn wachsen und schauen was passiert. Er wuchs und wuchs, bis er geschätzte 100mm lang und 50mm im Durchmesser war, dann blieb das Wachstum stehen. Jacky hatte keine Probleme beim Stuhl ablassen, so könnte es eigentlich bleiben, dann wurde der Tumor Nekrotisch. Er konnte nicht mehr genug Energie abzweigen und fing an abzusterben. Brutal, wenn ganze Fleischbrocken anfangen zu zerfallen. Jedoch, nicht für Jacky, keiner Veränderung in seinem verhalten. Trotzdem gaben wir Schmerzmedikamente und Antibiotika, die Zeit des Abschiednehmens begann nun. Es war Winter, was ein Problem weniger bedeutete, Insekten, die sich auf stinkendes Fleisch stürzen. Der Zustand verschlechterte sich rapide, der des Tumors, nicht aber der von Jacky. Ich beschwor den Tumor, er möge doch bitte einfach abfallen und alles ist wieder gut, welch infamer Wunsch.

So musste ich Jacky gehen lassen, ihm schlimmeres ersparen. Dabei hatte ich noch soviel mit ihm vor. So ging auch diese Freundschaft nach nur 1 1/2 Jahren zu ende.

Eines war sicher, es wird ein neuer Hund kommen. Das war ich Jacky jetzt schuldig, alles das was ich ihm nicht mehr geben konnte sollte einem anderen Hund zugute kommen. Nach einigen Tagen hatte ich mich soweit gefangen, das ich ins Tierheim ging, eigentlich wollte ich erst einmal die schlechte Nachricht überbringen. Doch die Leiterin, lies nicht locker, ich solle gleich einen anderen nehmen, es würden so viele hier auf etwas Glück warten. "Gut, wer ist das ärmste Schwein", war meine einfache aber direkte Frage. Und so kam ...

Aron

Aron

... in mein Leben.

Unverkennbar Schnauzer - Schäferhund Mischling, 10 Jahre alt, mit Manieren wie ein alter Germane.

Wollte ich bei Jacky die Vorgeschichte erst gar nicht wissen, so war ich bei Aron neugieriger. Unzählige Vorbesitzer, völlig abgemagert vom Veterinäramt, mit einer Hündin, aus einer Wohnung "gerettet" und mit der Diagnose "point of no return" überschritten, zum Einschläfern ins Tierheim gebracht. Dort gibt man ja Tiere nicht einfach so auf, und hat versucht beide wieder aufzupäppeln. Aron hat es dann auch geschafft, die Hündin leider nicht.

Demensprechend hat Aron dann auch ausgesehen, Kugelrund, in letzter Zeit lag er, dem Anschein nach, gut im Futter smiley.

So ging ich mit Aron ein paar mal laufen und die Chemie passte um weiter zu machen. Von vorne herein ist mir auf gefallen das Aron "nicht bei mir war", er machte sein Ding, ohne sich auf mich einzulassen. Auch waren ihm keinerlei üblichen Kommandos geläufig. Also, es gibt viel zutun packen wir es an ...

Bei mir zuhause, war Aron dann vollkommen "unsichtbar". Er hielt sich nie im gleichen Raum auf wie ich. Es war wohl, in Ordnung hier im warmen, trocknen zu sein, aber mehr auch nicht. Nicht das ich das Gefühl hatte er könne mich nicht abhaben, eher war es die Überlebensstrategie der letzten Jahre die er fortsetzte. So ging das Wochenlang, war ich im Wohnzimmer ging er in die Küche, ging ich in die Küche ging er ins Schlafzimmer. Kam ich ins Schlafzimmer, schlich er lautlos ins Wohnzimmer. Egal, soll er alle Zeit dieser Welt haben, immer Futter, das war ein Versprechen das ich ihm gab, er müsse nie mehr Hungern. So steht immer eine Schüssel voll mit Trockenfutter bereit und zusätzlich gibt es 2X täglich Nassfutter.

Aron war höchstens 3 Tage bei mir, unterlief mir ein Fehler. Wir hatten menschliche Begleitung beim Abend Spaziergang. Es war schon dunkel, und ich war in einem Gespräch vertieft, als ich gewohnheitsmäßig die Leine abmachte ohne mir in dieser Sekunde im klaren zu sein das es nicht Jacky ist, sondern Aron, der bis dahin noch nicht frei lief. Aron legte einen Spurt hin und schoss in die Dunkelheit wie von der Tarantel gebissen. Als mir klar wurde welcher fatale Fehler mir gerade unterlaufen ist, schossen mir Hormone in die Blutbahn, die ich bis dahin nur selten spüren durfte. Noch bevor ich irgendwie reagieren konnte kam Aron wieder aus der Dunkelheit geflogen, schoss an mir und meiner Begleitung vorbei und verschwand wieder in der Dunkelheit. Panisch rief ich jetzt nach Aron, der Sekunden später wieder aus der Dunkelheit heraus galoppierte, um abermals an uns vorbei im nichts zu verschwinden. Das Schauspiel wiederholte sich dann noch 3 bis 4 mal bis er hechelnd bei uns stehen blieb, und ich ihn wieder an die Leine nehmen konnte.

Somit war klar das der erste Faden zwischen uns gezogen ist. jetzt mussten nur die Kommandos erlernt werden, wozu Aron so gar keine Lust hatte. Aber ich hatte ja jetzt ein Bestechungsmittel. Die Leine kam erst ab wenn Aron sitz neben mir machte und auch sitzen blieb bis ich das Kommando gab, das er los kann. Das war recht schnell erlernt. Schwerer war da schon die abrupte Beendigung der Freiheit mit "Bei Fuß". So wie ich das schon immer Handhabe, gab es bei richtiger Handlung ein großes Lob, bei falscher, gab es garnichts ... Lob macht Hunde süchtig, sie wollen das haben, kein Lob ist wie wenn kein Geschenk unter dem Weihnachtsbaum liegt. Hat man einmal eine Kommunikationsebene aufgebaut, kann man diese endlos ausbauen. Bei manchen Hunden funktionieren Kommandos schon beim 2ten mal, bei anderen, wie Aron erst nach dem 50ten mal, Geduld ist hier ein muss.

Auch musste Aron erst lernen keine Angst mehr zu haben. Aus Gewohnheit legte ich die Leine immer einmal zusammen und trug sie in der Hand. Wenn ich das tat kam Aron zu mir in unterwürfiger Haltung, selbst aus weiter Entfernung. Wie viele Schläge muss der arme Kerl schon ertragen haben. Ich hätte jetzt einfach diese Handlung unterlassen können, aber ich entschied mich zu einer Rosskur und das Schema aus Arons Gehirn zu löschen. Ich legte die Leine zusammen, Aron kam angekrochen, und ich reagierte überhaupt nicht sondern lief einfach weiter, Aron folgte in gebückter Haltung kurz danach veränderte ich wieder die Leine, Aron war wieder entspannt. Das wiederholte ich im laufe von mehreren Tagen, Aron wurde immer entspannter, ich erhöhte die Dosis, berührte wie zufällig mit der Leine, Arons Rücken, streichelte ihn mit der Leine und heute ist das alles im Nirvana verschwunden. Wie kann man nur ein solch wichtiges Bindeglied zwischen Mensch und Hund, für solche Taten missbrauchen? Ein Hund muss freudig in Erwartung einer schönen Zeit, in die Leine springen. Und nicht mit diesem zwielichtigen Gesellen, der Freude und Schmerz bereitet, leben müssen.

Aron kannte garnichts, er war nie wirklich Hund. Entspannt Schnüffeln, sich auf der Wiese wälzen, Stöckchen knabbern und als das was glückliche Hunde so machen, war weit von Aron weg. Er verfolgte seine Tarnkappenstrategie, ignorierte Menschen, das es schon einem vorkam, als sei er mächtig eingebildet. Dazu gehörte auch das er keinerlei Leckerlies, von mir oder gar von Fremden annahm. Er war froh wenn er mit den Zweibeinern nichts zu tun hatte.

Es war ein Prozess mit kleinen Schritten, der sich immer mehr beschleunigte, aber bis heute anhält. Nach nun fast 3 Jahren, liegen wir gemeinsam auf dem Sofa, wobei Aron, schon seinen Anteil geltend macht. Wir halten uns in den gleichen Räumen auf smiley und wir können mit Blicken kommunizieren, das klappt sogar sehr gut zwischenzeitlich. Er beherrscht alle Kommandos, auch solche die für mich gelten. Aron liebt Leckerlies, was die Kommunikation noch vereinfacht. Er beachtet jetzt auch andere Menschen, er zeigt sogar reges Interesse. An anderen Hunden kann er, was Anfangs unmöglich war, völlig entspannt vorbei gehen. Nur mit großen Rüden hat er noch ein Problem, was wohl in der Natur liegt. Schritt für Schritt entdeckt er all diese coolen Hundesachen. Mit Wasser hat er noch ein Problem, wie kenne ich das..., aber diese Hürde werden wir wohl im Sommer nehmen, wenn es schön warm ist.

Aron hat zwischenzeitlich erkannt das Wasser etwas cooles ist. Als wir am Bodensee waren habe ich ihn aufs "Glatteis" geführt. An einem flach verlaufenden Uferabschnitt, bin ich mit ihm immer tiefer in den See, bis er plötzlich den Boden unter den Füßen verlor. Hecktisch drehte er um und wollte das schöne Nass wieder verlassen. Ich bin dann in die Hocke und immer weiter raus und habe ihn gerufen. Er wollte zu mir kommen, verlor aber immer wieder den festen Boden und schwamm dann im Kreis zurück bis er wieder stehen konnte. Nach dem 5 oder 6 mal kam er dann bis zu mir, bemerkte das da etwas im Wasser ist, meine Beine eben, da ich ja in der Hocke war. So "rettete" er sich auf meinen Schoß. Ich entfernte mich weiter vom Ufer bis ich auch schwimmen konnte. Aron schwamm neben mir, seine Unsicherheit konnte man deutlich erkennen, immer wieder schwamm er Richtung Ufer. Ein kurzer Pfiff von mir reichte aber aus, das er wieder in meine Richtung schwamm. Ohne ihn zu überfordern, habe ich die Schwimmstunde beendet. Es war klar, das er bei der nächsten Gelegenheit davon schwimmen würde.

Aron in Zandvoort

Zandvoort Holland. Wasser bis zum Horizont, und Aron mittendrin. Mir ist es leider nicht möglich Bilder im Wasser zu machen, aber man sieht seine Entschloßenheit auf diesem Bild. Nur das Salzwasser war ihm etwas suspekt, er versuchte es immer wieder zu trinken, was natürlich einen enormen "Brand" mit sich zog. Aber er war fast nicht mehr aus den Fluten zu bekommen...

Auch hat Aron, durch die vielen Wanderungen die wir auf unseren Fahrten unternehmen, etliche Kilo abgenommen. Was ihm aber eigentlich viel besser steht. Seine Kondition hat sich erheblich verbessert. Er hat jetzt auch so einen "Durchhaltewillen". Naja, der Winter wirds wieder ändern smiley.

Er wird immer entspannter und wird mehr und mehr zu meinem Hund. Wenn ich von der Arbeit komme, reibt er seinen Kopf in meinen Händen und ist total liebebedürftig. Das ist in diesem Ausmaß etwas ganz neues.

Fortsetzung folgt ...!

         
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Gisi schrieb am 20.02.2016 um 09:29:56 Uhr
Toll geschrieben und schön das du älteren Hunden noch ein schönes Zuhause gegeben hast ! Hut ab ! Gäbe es mehr von Deiner Sorte hätten die älteren Hunde in den Tierheimen auch noch eine Chance
Frank schrieb am 15.01.2016 um 22:33:37 Uhr
Hey und Hut ab,
wollte mich eigendlich an deinen Erfahrungen bezüglich WoMo ausbau bereichen, da mir endlich nach langen 5 Jahren wieder einen 96er T4 angeschaft habe.
Nunja und so verweile ich bestimmt schon über eine Stunde auf deiner Seite, meine Kurze habe ich schon ins Bett gebracht und liege mit Pipi in meinen Augen in meinem Bett. Traurig weil ich meine Hündin Nala am 30.12.15 gegen 10:00 die Augen zumachen muste, nachdem wir großartige 14 Jahre gemeinsam verbringen durften.
Du hast wirklich eine sehr angenehme Art deine Gedanken kund-zu-tun.
Gruß Frank
Max schrieb am 04.09.2015 um 06:42:54 Uhr
schöne Geschichte, wünsch dir noch ne lange gute Zeit mit Aron.... Gruss ausm Süden
Andi schrieb am 30.03.2015 um 17:49:16 Uhr
Du bist ein wirklich feiner Mensch :-)
Thomas schrieb am 19.12.2014 um 10:19:16 Uhr
Bin sehr berührt.
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